LEITARTIKEL
Reicht doch!; reicht doch
09.05.2012„Reicht doch!“ steht auf dem Plakat zu lesen. Und genau das, eben dieses Sätzchen aus zwei Wörtern, reicht in der Tat. Zumindest, um eine Biermarke aus der Krise zu führen. Die „H&K + S Agentur für Kommunikation“ hat damit dem Billig-Gebräu „Hemelinger“ wieder zu neuer Kundschaft verholfen. Wie es dazu gekommen ist, erläutert sie jetzt im Bremer Wilhelm Wagenfeld Haus.
„Viva la Kommunikation“ heißt die Ausstellung, in der die nordwestdeutsche Kommunikationsbranche einen Überblick über Werbestrategien, Designkonzepte und neue Herausforderungen der Digitalisierung gibt.
Dass „Reicht doch!“ tatsächlich reichte, so erläutern die Kommunikationsexperten, sei dem „bodenständigen und einfachen“ Charakter des Produkts geschuldet. Man hätte sich mit den üblichen Biermythen wie Männerfreundschaften und Opernhäusern, Naturschauspielen und Segelschiffen schlichtweg in eine Sackgasse begeben. Schließlich nehme niemand einem „Hemelinger“ solch hochtrabende Kulissen ab. Der schlichte Slogan „Reicht doch!“ hingegen erfülle allein deshalb seine Aufgabe, weil in dieser Aussage die Vorzüge des Getränks zur Geltung kommen: knapp und unverfälscht.
Das Unternehmen „Sujon Design“ legt dar, weshalb fotografische Abbildungen eines Produkts zwar Glaubwürdigkeit vermitteln, Illustrationen dafür aber oftmals erst die funktionalen Zusammenhänge sichtbar machen. Ein so komplexer Apparat wie der „Clean Ballast“, ein Wasseraufbereitungssystem für Schwergutfrachter, lässt sich erst mittels Weglassung und Hervorhebung einzelner Elemente optisch halbwegs erfassen.
Dass bei aller grafischen Finesse weiterhin auch das Material selbst über den Kommunikationserfolg entscheidet, will die Druckerei „Müller Ditzen“ mit einem eigens angefertigten „Blätterwald“ erfahrbar machen. Unzählige Printprodukte aller Art hat sie dafür an die Decke des Ausstellungsraums geknüpft. Wer sich in dieses Dickicht begibt, nimmt nicht allein die optischen Unterschiede wahr: Auch der Geruch eines Druckerzeugnisses hinterlässt seine Wirkung – ebenso wie haptische Aspekte, etwa Broschüren mit Relief lacken. Die Kaufentscheidung, erklärt „Müller Ditzen“-Vertriebschef Thomas Lürßen, treffe ein Kunde nun mal unbewusst. Da genüge manchmal schon ein bestimmter Geruch oder eine kleine Erhebung auf dem Werbeprodukt.
Und dann sind da auch noch die Fotografen der Region, versammelt in einem Bildband mit dem beachtlichen Format von 140 mal 100 Zentimetern. Im elffarbigen Digitaldruck sind darin Auftragsarbeiten zu besichtigen wie etwa eine für Audi produzierte Fotografie des Bremers Carsten Heidmann: Links ein Geschäftsmann als Golfspieler auf dem Parkdeck, rechts die zum Einlochen geöffnete Fahrertür. Dazwischen: nichts. Das ist insofern von Bedeutung, als die Fotografie für Doppelseiten in Zeitschriften erstellt wurde. In der Mitte, wo der Bund verläuft, darf keine relevante Bildinformation verschwinden.
Es sind informative und durchaus unterhaltsame Einblicke in die regionale Werbebranche, die das Wilhelm Wagenfeld Haus seinem Publikum gewährt. Zwar werden wir wohl auch nach dieser Erfahrung weiterhin unsere gewohnten Kaufentscheidungen treffen. Der Grund aber dafür, dass wir zu Produkt X greifen und nicht zur Ware Y, erscheint mit Blick auf manche Vermarktungsstrategien nun deutlich klarer.
Bis 15. Juli 2012 im Wilhelm Wagenfeld Haus, Am Wall 209, Bremen. Öffnungszeiten: Di. 15-21 Uhr, Mi.-So. 10-18 Uhr.
Johannes Bruggaier / 09.05.2012 / Kreiszeitung.de
